Ultramarathon-Lauftreff nördlicher Schwarzwald Die Taussendfüssler
Rennsteig: Mit Tannenkoller ins
schönste Ziel der Welt
Um 6:00 Uhr wurden wir mit
teutonischer Volksliedkunst auf die Strecke geschickt. Ein Transparent „nur
noch 72 km bis Schmiedefeld“ hielt uns nochmals vor Augen, was wir da
eigentlich zu tun gedachten. Nach nicht einmal einem km ging's los mit der
Bergaufschinderei – und dies für die ersten 25 km, wobei bei km 8 ein sehr
schöner Fernblick auf die Wartburg den Aufstieg abrundete. Je nach Steigungsintensität lief oder ging
ich. Der Nebel hielt sich hartnäckig und vor lauter Fichten sah man den Wald
nicht mehr. Über Stock und Stein ging's höher und höher. Bäh! Ich fluchte und
kam mit einer Läuferin ins Gespräch. Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Schemenhaft zeichnete sich nun der Inselberg ab. Es folgte km 25, d.h. das
schwierigste 1. Drittel war geschafft.
Extravagant ging's bergab – auf
einer steilen Holztreppe. „Mal etwas ganz Neues“, entfuhr es mir. Es folgte ein
kurzweiliger Streckenabschnitt, der einem kilometerlangem Speed Dating
gleichkam. Es wiederholte sich immer wieder das gleiche Prozedere: zuerst wurde
einem eine Hand entgegengestreckt und nach einer kurzen Vorstellung folgten die
klassischen Fragen: bist du zum 1. Mal hier, ist das dein erster Ultra usw. Am
besten gefiel mir die Frage: „du kommst bestimmt aus Berlin, so wie du
sprichst!“ Das war – je nach Steigung oder Gefälle – ein Kommen und Gehen und
eine sehr willkommene Abwechslung zum Dauertannengrün und dem allgegenwärtigen
Rennsteiglogo am Wegesrand.
Alle 5 km gab's ein rot-weißes
Km-Schild. Es gab also doch noch andere Farben außer tannengrün am Rennsteig!
Wenig später schloss ein oller Ultra-Unsympath zu mir auf. Mit einer Gehpause
gelang es mir jedoch, ihn schnell wieder loszuwerden, doch dann bekam ich
hören, dass eine gute Läuferin doch nicht geht! Moment mal! Als Ultraläuferin
darf ich das und außerdem heißt's im 'Rennsteiglied „ich wandre so gerne...“ -
nicht: ich laufe so gerne, gab ich zurück. Nun konnte ich mich wieder meinem
Ommmmhhh widmen. Das war nötig, denn ich bekam so langsam einen Tannenkoller.
Bis zu km 50 habe ich diese grüne Hölle im dichten Dauernebel stoisch ertragen,
doch inzwischen ist noch das Schrabben der Nordic Walker dazugekommen. Mit
Händen und Füßen reden ist eins (wovon ich mich leider auch nicht freispechen
kann), doch dies mit den Walkingstöcken zu tun, ist eine andere! Die
Sturzgefahr war ohnehin immens hoch, bzw. immer wieder sind Läufer gestürzt,
doch zum Glück ist, soweit ich das überblicken konnte, nichts weiter passiert.
Ein Läuferpärchen das offensichtlich zu meinem Läuferdunstkreis gehörte,
meinte, ich würde wohl niemals aufgeben. Hä? Aufgeben, was ist das? Wer will
hier aufgeben? Wie sich herausstellte, hatten die beiden mit dem Gedanken
gespielt, am Grenzadler auszusteigen. Aber doch nicht so kurz vor'm Ziel,
protestierte ich. Klar, war es jetzt ätzend, aber das ist bei einem Ultra in
diesem Stadium normal! Ich bekam noch mit, wie die beiden sich darauf einigten,
doch noch weiterzulaufen.
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum...
schrabb, schrabb, schrabb... Ich werde noch wahnsinnig! Zum Glück kam wieder
eine größere Verpflegungsstelle. Ich begutachtete ausgiebig die Menükarte. Bloß
nicht den Schleim und das Salz verpassen! Jetzt musste doch endlich mal dieser
dubbelige Grenzadler kommen! Wie sich herausstellte, hatte ich ihn doch glatt
verschlafen. Doch einen fiesen Anstieg gab's noch – den Beerberg, der höchste
Punkt der gesamten Strecke, was man auch an den letzten Schneeresten am
Wegesrand sah. Noch 15 km waren zu laufen. 6:40 Stunden war ich zu diesem
Zeitpunkt schon unterwegs.
Inzwischen fühlte ich mich in
meine Anfängerzeiten zurückversetzt – ein Stückchen laufen, ein Stückchen
gehen, denn es kündigten sich Wadenkrämpfe an. Die folgenden 10 km gingen
deshalb nur in äußerst trägen 1:30 Stunden weg. Ich versuchte nun, mit so wenig
Kraftaufwand wie möglich zu laufen. Hauptsache, ankommen!
Nachdem nun endlich auch der
Beerberg bezwungen war, wurde mir von verschiedenen Seiten versichert, ab jetzt
ginge es nur noch runter. Doch nun waren mir auch die kleinsten Anstiege zu
viel. Selbst auf der Ebene musste ich teilweise gehen. Ich war am Ende. Nur
noch 3,2 km, rief mir ein Läufer zu. Bei km 70 wurde es wieder etwas besser, so
dass 71 und 72 schnell erreicht waren.
Nach 8:50 war's geschafft! Dies war der härteste Lauf, den ich jemals
hatte – dennoch: das schönste Ziel der Welt ist Schmiedefeld!
Fazit: Ob ich es dieses Jahr an
Weihnachten über mich bringe, mir eine Fichte, schlimmer noch, eine „Nordic
Fichte“ ins Haus zu holen, muss an dieser Stelle offen bleiben! ;-)
Ergebnisse:
63. Michael Wieland, Therme LT Böblingen, 6:28:18 (19. M 45)
267. Manfred Heiland, Simmozheimer Spaßrunners, 7:17:06 (41. M.
50)
319. Jürgen Baumann, LT Sulz am Eck, 7:25:07 (73. M 45)
520. Klaus Schinker, Therme LT Böblingen, 7:48:03 (59 M 35)
433. Ralf Windisch, Therme LT Böblingen, 7:38:40 (115. M 40)
436. Dieter König, Therme LT Böblingen, 7:38:46 (19. M 55)
757. Uwe Just, Therme LT Böblingen, 8:13:48 (197. M 45)
762. Bittmann, Roland, Therme LT Böblingen, 8:14:45 (200. M 45)
1033. Hanke, Ekkehard, Therme LT
Böblingen, 8:47:51 (277. M45)
1160. Roland Riedel,
Adler-Langlauf Bottropp, 9:05:47 (306 M45)