Ein Wettlauf mit der Zeit oder: Ist der Berg auch noch so steil, a bisserl was geht allerweil!

Verrücktheit ist relativ, denn gerade mal etwa zweihundert Irre hatten sich zum Allgäu Ultra-Trail angemeldet, einem schweren, aber spektakulären Landschaftslauf – 69 km, 3000 Höhenmeter. Ein Lauf, der nicht gerade die Massen anzieht, bzw. ein Lauf bei dem die Luft der nach oben offenen Skala der Durchgeknalltheit merklich dünner wird. Auch wenn ich bei meinen bisherigen Läufen nie über den Zielschluss nachgedacht hatte, war dieses Thema nun mehr als aktuell. Ebenso wie damals zu meinen Anfangszeiten die Möglichkeit, als Letzte, bzw. überhaupt ins Ziel zu kommen. Kurzum, ich hatte Schiss, obwohl ich nur ein Ziel hatte: noch vor Zielschluss, d.h. nach max. 12 Stunden gesund und glücklich ankommen!

Zwar seien genügend Verpflegungsstände vorhanden, so die Ausschreibung, doch es wird erwartet, dass jeder Läufer für den Fall des Falles einen Rucksack mit Notfall-Verpflegung bei sich hat. Ebenso Pflicht sei die Mitnahme eines Handys, einer leichten Jacke (je nach Wetterlage) einer Isodecke und einer Trillerpfeife, wobei die beiden Letztgenannten vom Veranstalter gestellt werden. Es sei nicht beabsichtigt, eine elitäre Veranstaltung ins Leben zu rufen, sondern der Sicherheit Rechnung zu tragen, zumal auch ein sehr erfahrener Ultraläufer in eine unvorhersehbare Lage kommen kann.

Mein Rucksack war schon reichlich mit Dingen „für die Psyche“ bestückt – Energiegels, Obstriegel von Aldi und Trinkflasche. Ebenso hatte ich die Investition von Trail-Schuhen gewagt, die auf dieser sehr schwierigen Strecke absolut überzeugt hatten. Es fehlten nur noch die Salztabletten gegen evtl. Krämpfe. Apotheke Nr. 1 kannte nicht mal Salztabletten (Hä?!?) und Apotheker Nr. 2 war ebenso überfragt und wollte mir stattdessen allen Ernstes Schüssler Salze aufschwatzen. Nein danke! Darauf bin ich schon einmal mal hereingefallen! Hinzu kommt, dass homöopathische Dosen und hochdosierte Kilometer einfach nicht zusammen passen! Naja, mir wird schon noch was einfallen, wie ich sonst noch an das Salz herankommen könnte.

Zusammen mit Ralf und Andy vom Ultralauftreff ging’s am Samstagnachmittag nach Sonthofen. Letzterer hatte mit dem Salz mehr Glück – wozu gibt’s Internetapotheken? - doch in Sonthofen musste er feststellen, dass die Salzkapseln zu Hause warm und trocken herumlagen. Wir klapperten daraufhin die ganze Marathonmesse nach Salzigem ab – nix! Dann gab’s nur noch eine Möglichkeit: auf zu McDonald’s! Während wir auf unsere Alibi-Cola warteten, griffen wir bei den ausliegenden Salztütchen zu. Die kann man ja so schön mit einer Sicherheitsnadel am Startnummernband befestigen, so dass es jederzeit griffbereit ist.

Auf der Pasta-Party machten mir die Laufcracks mit ihren Finishershirts unbeabsichtigt klar, was Sache ist. Mont Blanc, Jura, Swiss Alpine usw. Au weia, worauf hatte ich mich da nur eingelassen?

Bereits auf dem Weg zum Start war es trotz früher Stunde mollig warm, so dass ich meine Laufjacke getrost wegpacken konnte. Kurz nach 6:00 Uhr ging das Abenteuer Ultra Trail los. Mit den beiden ersten Kilometern teilweise entlang der Iller ließ sich das Läufchen besonders gemütlich an, doch ab km 3 ging’s ans Eingemachte. Andy und Ralf waren dann auch schnell weg, als es den ersten Hauptanstieg zum Weiherkopf hoch ging, d.h. 1.077 Höhenmeter auf etwa 16 km. Die Strecke war äußerst vielseitig – mal Schotterwege, mal unwegsam, mal äußerst schmal, so dass man nur hintereinander laufen konnte. Wo es am engsten war, hatten sich die Kühe besonders breit gemacht. Eine Kuh schienen wir jedoch mit dem Laufvirus angesteckt zu haben. Sie drängte sich vor mir auf den Trail, so dass ich Tempo herausnehmen und sie regelrecht vor mir her treiben musste, denn ein Vorbeikommen war schlicht unmöglich. Immer wieder mussten wir Drehtore passieren. Das bremste einen zwar aus, aber dadurch kam man wieder auf kuhfreie Zonen. Oben angekommen wurden wir mit einer grandiosen Aussicht bei traumhaftem Wetter belohnt.

Wenig später stand mein Läuferpulk ratlos an einer Abzweigung. Bisher war die Strecke gut beschildert, doch nun fehlte die Beschilderung ganz. Inzwischen gesellte sich der ein oder andere Läufer dazu, offensichtlich alles Ersttäter. Na super! Nur gut, dass der Veranstalter das Cut-Off in Oberstdorf (bei km 48) von 7,5 auf 8,25 Stunden verlegt hatte! Doch wir hatten Glück, denn es trudelte endlich der ersehnte Wiederholungstäter ein, der uns zeigte, wo’s lang ging. Auf einem Schotterweg ging’s fast senkrecht wieder runter. Höhenangst durfte man hier nicht haben. Vorsichtig machte ich mich an den Abstieg. Dabei musste ich an einen vermummten Läufer mit Stöcken vorbei. Gerade als ich zum Überholen angesetzt hatte, rammte er mir vermutlich aus Unachtsamkeit seinen Stock vor die Füße, so dass ich abrupt abbremsen musste, denn wenn man hier hinfiel, dann gleich mehrere Meter tief! „Dann lass‘ mich halt rechts vorbei!“ motzte ich ihn sichtlich angefressen an. Stöcke gehören bei Wettkämpfen verboten! Hinterher erfuhr ich, dass der Läufer deshalb so eingemummt war, weil er sich zur Zeit für den Marathon des Sables vorbereitet, bzw. die dortige Hitze simulieren wollte. Er könnte ja auch das Laufband in die Sauna stellen, das ist wenigstens nicht so gefährlich! ;-)

Es folgte ein verhältnismäßig kleiner Gegenanstieg wo ich erneut einem Läuferpulk – diesmal mit einem bekannten Gesicht - begegnete. Wieder hatte eine Beschilderung gefehlt, so dass der besagte Läuferpulk gut zwei höhenmeterintensive Kilometer völlig umsonst lief, wie mir Andy erzählte. Hier gab es mehrere Abzweigungen, so dass wieder kollektive Ratlosigkeit angesagt war. Wenn das so weiter geht, sehe ich endgültig schwarz für den Zieleinlauf noch vor Zielschluss, d.h. nach 12 Stunden! Doch zum Glück waren hier Ortschaften ausgeschildert, bzw. mit „Grasgehren“ konnte Andy was anfangen. Da ja der Mensch ein Herdentier ist, sind wir ihm alle brav gefolgt und die erste Zeitnahmematte, sowie der erste Vollverpflegungsstand ließen nicht lange auf sich warten. Hier fehlte es an nichts – total nette und zuvorkommende Helfer und eine große Menüauswahl. Weiter ging’s über Rohrmoos ins Kleinwalsertal, einem an sich moderaten Streckenabschnitt, wäre da nicht das Moor. Über teilweise morsche Holzbohlen wurden wir über das Moor geführt, so dass man höllisch aufpassen musste, dass man kein außerplanmäßiges Fangobad nehmen musste. Der Spruch von Bruce Darnell, dem bekanntesten Philosophen im deutschen Fernsehen, „du musst ein Diva auf die Laufsteg sein“ bekam da eine ganz andere Bedeutung! Trotzdem ließ es sich nicht verhindern, dass man hie und da mal kräftig einsank und die Ursprungsfarbe der Schuhe nicht mehr erkennbar war. Eine absolute Gaudi! Schlammcatching light.

Auf sauberer und weiterhin moderater Strecke steuerten wir wieder eine Verpflegungsstelle (nachsalzen nicht vergessen!) an, wo wir mit Musik von ZZ Top empfangen wurden. Nur noch gut 14 km bis Oberstdorf! Auch wenn dort der Cut-Off wegen des warmen Wetters auf 8,25 Stunden verlegt worden war, wollten wir es in den ursprünglich veranschlagten 7,5 Stunden schaffen. Könnte klappen, denn sowohl Andy als auch ich fühlten uns fit. Doch die moderate Idylle im Kleinwalsertal wurde bald wieder von rustikalen bajuwarischen Mördersteigungen abgelöst. Da konnte es nur ein Mantra geben: „Ist der Berg auch noch so steil, a bisserl was geht allerweil!“ Unterm Strich überwogen hier sogar die Bergab-Höhenmeter. Dennoch durfte man hier nicht alle Energien verpulvern, sondern musste ja noch Kraft für den Sonnenkopf aufsparen. Weiterhin ging’s bergab – dieses Mal weitaus schwieriger und steiler mit Stufen und Wurzeln. Hier war absolute Vorsicht geboten, doch dafür konnte man den ein oder anderen Blick auf die Oberstdorfer Sprungschanze erhaschen. In der Nähe des Freibergsees fehlte wieder ein Schild. Also hieß es wieder warten bis ein ortskundiger Spaziergänger oder Läufer vorbei kam. Nun war der Untergrund wieder leichter zu laufen und die Erdinger Arena war zum Greifen nah. Hier konnte man wieder eine Schippe drauflegen. Die Streckenposten lotsten uns in die Erdinger Arena, wo wir namentlich angesagt wurden. Mit 7:37 Stunden hatten wir zwar das eigene Zeitlimit knapp verfehlt, lagen aber cut-off-technisch noch klar im grünen Bereich. Hauptsache, wir schaffen < 12 Gesamtstunden, d.h. noch vor Zielschluss – Genusslauf hin oder her!

In der Erdinger Arena hatten wir uns eine etwas längere Pause gegönnt. Wir tranken wie die Kamele und langten bei den bereits gesalzenen Schmalzbroten und Melonenstückchen zu. Nach gut 20 min. machten wir uns wieder auf dem Weg, während einige Läufer bereits hier Schluss machten. Kaum hatten wir die Erdinger-Arena verlassen wurde es steil, sehr steil sogar. Denn jetzt mussten wir den letzten Hauptanstieg, den Sonnenkopf, erklimmen. Knapp 10 km mit knapp 1000 Höhenmetern standen uns bevor. Es ging höher und höher, doch der Anstieg schien kein Ende nehmen zu wollen! Ist der Berg auch noch so steil, a bisserl was geht allerweil! Also weiter, vorbei an ein paar einzelnen Läufern, die sich eine Extra-Pause gegönnt hatten, während so mancher Läufer weiter oben nur noch am Fluchen war. Nana… immer dran denken „ist der Berg auch noch so steil…!“ Irgendwann geschah dann doch das Wunder. Wir sahen das Gipfelkreuz und eine kleine Gruppe Leute, die einen veranstaltungsunabhängigen Miniverpflegungsstand aufgebaut hatten und alle Neuankömmlinge auf den letzten Metern zum Gipfel anfeuerten und uns oben herzlich begrüßten. Super coole Aktion!

Jetzt ging es praktisch nur noch bergab – aber wie! Statt Tempo war wieder vorsichtiges Laufen auf der löchrigen Buckelpiste angesagt. Das durfte doch nicht wahr sein! Wenn das so weiter geht, sieht’s auch schlecht mit den < 12 h aus! Hinzukam, dass sich bei Andy noch Wadenkrämpfe ankündigten, doch zum Glück hatte ich noch Mc-Donalds-Salz vorrätig. Jetzt zählte nur noch das sichere Ankommen. Weiterhin löchrig ging’s immer weiter runter ins Tal. Es folgte ein letzter Verpflegungsstand, wo man uns aufmunterte, dass wir es doch noch rechtzeitig schaffen könnten. Im defensiven Tempo wechselten wir auf eine Serpentine. Die Freude über den Asphalt währte jedoch nur kurz, denn gleich darauf mussten wir auf einem holprigen Waldweg weiterlaufen. Noch 4 km waren zu laufen, noch gut 20 min. bis zum Zielschluss. Andy’s Waden hatten sich inzwischen wieder gelockert und wir waren uns einig, dass die < 12 wieder drin lag, bzw. jetzt unbedingt sein musste. Weiter ging es durch den Wald, doch nun war der Untergrund sehr gut zu laufen. Nun gab’s bei kein Halten mehr. Wir schossen an Spaziergängern vorbei und konnten sogar noch einige Läufer einsammeln. Laut Andy’s Uhr gingen die letzten km mit einer Pace von ca. 4:30-4:45 weg. Dass wir überhaupt noch zu solch einem Tempo in der Lage waren, hatte uns selbst überrascht. Wahrscheinlich lag's mal wieder an der Psyche, bzw. am reinen Getriebensein, es doch noch zu schaffen.

200 m vorm Ziel sahen wir die berüchtigte Bahnschranke. Wehe, wenn die jetzt herunter geht! Doch sie blieb zum Glück oben und nach 11:57 h war‘s geschafft!

Wie sich jedoch im Ziel herausstellte, wurde nun auch der Zielschluss von 12 auf 13 Stunden verschoben. Letzten Endes kamen 150 Männer und 17 Frauen ins Ziel. Verrücktheit und vor allem Platzierungen sind eben relativ, bzw. nächstes Jahr sind wir bestimmt wieder dabei! ;-)

Ergebnisse

 22. Ralf Linke, LT Sulz am Eck 08:52:05, 6. M 40

121. Annette, TSV Simmozheim 11:57:02, 4. W 40 

122. Dingler, Andreas, Therme LT Böblingen 11:57:03, 13. M 35