Ultramarathon-Lauftreff nördlicher Schwarzwald  Die Taussendfüssler

 

 

Die Nacht der Nächte

Ein Bericht von Annette Reim über ihren ersten 100 Km Lauf mit ihrem

Lauf“fossil“ Gerhard Schorr

Biel 12./13. Juni Anno 2009

Gegen 16:00 Uhr trafen wir auf dem Läuferparkplatz in Biel ein. Noch war's ziemlich ruhig, als das Lauffossil Gerhard und ich das Gelände erkundeten und die Startunterlagen abholten. Bis zum Start war noch ewig Zeit, so dass sogar noch ein kleines Nickerchen auf der Wiese drin lag. Nachdem die Speicher nochmals ein letztes Mal mit Pasta und reichlich Cola aufgefüllt worden waren, hatte sich der Parkplatz gefüllt und die Gerüche verschiedenster Wundermittel, die die Läuferbeine geschmeidig halten sollten, lagen in der Luft. Unser italienischer Nachbar balsamierte aufmerksamkeitsheischend seinen Mannesstolz ein, während die Franzosen gegenüber mit Ballermannmusik konterten und ihrerseits hingebungsvoll und sehr ausgiebig die Füße einsalbten und -cremten und sich zu guter Letzt in die Uschisocken zwängten. Genug geschmunzelt, denn schließlich musste ich mich ja auch noch umziehen und einschlägige Vorbeugemaßnahmen ergreifen! Schließlich lauert der Wolf überall! Ganz im Gegensatz zum Lauffossil, dem Dickhäuter schlechthin! Ein Fossil braucht diesen ganzen Firlefanz nicht und um einen noch draufzusetzen, wird der 100er mit den umstrittenen „Lunge“-Schuhen angegangen!

 

Gemütlich begaben wir uns in den Startbereich und verkrümelten uns in die letzte Reihe.

Punkt 22:00 Uhr fiel bei knapp 20 °C der Startschuss. Zunächst ging's durch die Bieler Innenstadt, wo City-Marathon-Atmosphäre herrschte. Man musste höllisch aufpassen, dass man sich nicht durch die Superstimmung der Zuschauer zu einem zu schnellen Tempo hinreißen ließ! 11:40 bis 12:00 hatten wir uns als Ziel gesetzt, d.h. ein 7er-Schnitt/Km war Pflicht. Bis Km 5 war jeder Km einzeln angeschrieben, so dass man noch frühzeitig das Tempo korrigieren konnte.

 

Wir ließen Biel hinter uns und nahmen im Dunkeln Kurs auf Aarberg, einem sehr schönen Städtchen. Weiter ging's mit lautstarker Unterstützung der Zuschauer über die bekannte Holzbrücke vorbei an Straßencafés. Plötzlich kreischte eine Meute Mädels was das Zeug hielt. Ich fragte mich, ob Brad Pitt dieses Jahr auch nach Biel musste und direkt hinter uns lief. Doch zu meiner großen Überraschung meinten die mich! „A Frrrraaaaauuuu!“ Wir liefen durch eine Unterführung und mit einem Mal war das pulsierende Stadtleben vorbei und wir tappten wieder im Dunkeln. Das Läuferfeld zog sich allmählich auseinander und es lag ein ehrfürchtiges Schweigen in der Luft. Monatelang hatten sich alle auf diese Nacht vorbereitet, bzw. es dürfte für die allermeisten DAS Projekt für 2009 gewesen sein! Jeder hatte sein persönliches Ziel vor Augen und war voller Konzentration.

 

Inzwischen hatten sich zu meinem Leidwesen auch die Radbegleiter, d.h. die Personal Coaches mancher Läufer dazu gesellt. Dadurch, dass die Radfahrer nur sehr langsam fahren konnten, um bei ihren Läufern sein zu können, musste man höllisch aufpassen, wenn man so ein Vélo überholen musste. Hier war noch alles eben, so dass man die Rücklichter, bzw. die Lichter der Taschen- oder Stirmlampen der Läufer noch in der Ferne sah. Man kam sich vor wie bei einem Laternenlauf.

 

Nach Lyss wurde es wieder idyllisch und ganz still. Es duftete nach Heu, nur ab und zu bimmelte mal eine Kuhglocke oder es mähte ein Schaf. Öfters durchbrachen dagegen Läuferbäuerchen und -fürze die Stille der Nacht – ja... die Verpflegungsstände ließen keinerlei Wünsche offen! Bouillon gegen Krämpfe, Long Energy Drink für die Psyche und zum Nachtisch Cola und ein winzig kleines Stückl Linzer Törtli, um den Glukose- und Koffeinpegel oben zu halten.

 

Die erste Kontrolle bei Km 40 und bald darauf war schon die Hälfte der Strecke geschafft. Weiter ging's nach Kirchberg, wo ich einen Wäschebeutel mit Ersatzklamotten (ebenfalls für die Psyche) deponiert hatte. Doch es lief weiterhin gut, so dass auch ich mich auf die normale Verpflegung beschränken konnte.

 

Entgegen unserer Erwartung erreichten wir den Ho-Chi-Minh-Pfad kurz vor der Dämmerung. Nach dem lebhaften Treiben in Kirchberg schienen wir plötzlich allein auf der Welt zu sein. Die Vögel zwitscherten, während wir uns im Licht der Stirnlampen durch den Wald schlugen. Der Weg war voller großer Kieselsteine und mit Wurzeln durchzogen. Man musste höllisch aufpassen. Prompt knickte ich um, doch zum Glück konnte ich ohne Probleme weiterlaufen. Km 60. Ab jetzt begann das Neuland für uns, doch noch war der Eierlauf auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad nicht zu Ende.

 

Bei Km 65 warteten bereits die Radler auf ihre Schützlinge. Das Vogelgezwitscher wurde durch AC/DC-Sound abgelöst. Das Lauffossil und ich waren noch total fit, als wir bei Km 76 unseren 2. Kontrollstempel abholten. Es folgte eine fiese Steigung, bei der wir uns eine Gehpause gönnten. Mittlerweile war es hell und es versprach, warm zu werden. Die Strecke zog sich bis Km 80 lange hin, doch einen Km später gab's schon wieder Leckereien.

 

Super – nur noch weniger als eine Halbmarathondistanz! Jetzt ist die Sache absehbar, dachte ich! Pustekuchen! Es folgten endlose Weiten, die uns an das mittlere Drittel unserer Quälix-Runde zu Hause erinnerten. Außerdem bekam ich immer mehr Durst. In der Ferne sahen wir Büren (ca. Km 86/87) und auch weiße Zelte. Das könnte eine Verpflegungsstation sein! Aber nein, das war ein Restaurant! Mist! Da hinten – ein rot-weißes Schild! Vielleicht ist es das! Nein, auch nichts! Allmählich wurde es ernst, denn mein Kreislauf und mein Magen fingen an, Mätzchen zu machen. Ich war nicht mehr richtig klar im Kopf, so dass ich fast falsch abgebogen wäre! Doch zum Glück war ein Streckenposten vor Ort, der mich zusammen mit dem Lauffossil im wahrsten Sinne des Wortes auf dem rechten Weg brachte. Endlich kam die Verpflegungsstation! Alles Flüssige war nicht mehr sicher vor mir. Ich schwankte zwar noch ein bisschen, doch ich konnte wenigstens wieder klar denken und fühlte mich auch relativ flott wieder wohl. Dennoch hatte ich einen Schreck bekommen und auf eine Gehpause bestanden, obwohl hier alles eben war. Aus irgendwelchen Gründen wurde dieser Verpflegungsstand von Km 86,5 auf Km 89 verlegt, was normalerweise sicherlich nicht tragisch gewesen wäre, doch durch die zunehmende Wärme war ich wohl nicht die Einzige, der es so ergangen ist. Ganz langsam rollte ich mich wieder ein. Die nächsten Km zogen sich wie Gummi in die Länge, doch das darauffolgende Verpflegungsintervall war erheblich kürzer. Hier wurde nochmals kräftig zugelangt.

 

Km 95. Ab hier wurde nun wieder jeder Km einzeln angezeigt. Die Motivation war wieder voll da und es rollte gleich wieder viel besser! Km 96... 97...98. Die restlichen Kilometerchen werden doch jetzt wohl noch zu schaffen sein! Km 99. Ein Läufer vor uns war so glücklich, dass er das Km-Schild küssen musste! Weiter ging's durch's Bieler Gewerbegebiet. Von weitem konnte man schon die Lautsprecher hören! Jetzt nochmals alle Kräfte mobilisieren und ab auf die Zielgerade – sogar mit persönlicher Ansage! Nach 11:35 Stunden hatten wir es tatsächlich geschafft!

 

Fazit: Man muss nicht nur einmal nach Biel, sondern immer wieder!