Der Exklusivbericht von
Hans Sütterlin: Auf der Spree treiben dicke Eisschollen, und ein
Eisbrecher zieht seine Runden. Im angrenzenden Plänterwald in Treptow drehen
seit Mittag die Läufer des Team-Marathon ihre Runden. Der Veranstalter spricht
von den schlechtesten Bedingungen in der 28-jährigen Geschichte des Laufes. Der
5 km-Rundkurs auf Wald- und Radwegen war von einer Schneeschicht bedeckt, die
aber durch die milden Temperaturen geschmolzen war, und eine Mischung aus
schneeglatten, rutschigen Partien, Schneematsch und grossen Pfützen hinterliess,
die auf jeder Runde für zwei- oder dreimal die Schuhe mit Eiswasser
füllten. Unser Team war leider geplatzt, weil einer der Gemeldeten nicht
erschien, so dass wir zwei Teams bildeten: Uli Etzrodt mit Sohn Sebastian
und Peter, einem weiteren Träger dieses Namens als "Etzrodt-Team" und ich mit
zwei zugeteilten Läufern als "Last-Minute-Team". Roland Winkler,
DDR-Lauf-Urgestein mit einer 100 km-Bestzeit unter 7 Stunden, agierte wie ein
Auktionator halb stehend, halb sitzend und geplante Zeiten rufend, um noch
Einzelläufer zu Teams zusammenzustellen. Das gelang auch, nur Horst Preisler
startete als Einzelläufer zu seinem 1389. Marathon. Die Besonderheit des
Team-Laufs ist, dass der Langsamste das Tempo vorgibt, nur wenn auch der Letzte
der Drei im Ziel ist, wird die Zeit genommen. Zwar erhalten auch Einzelläufer
und Aussteiger eine Urkunde mit Bestätigung ihrer Leistungen, aber in der
Ergebnisliste erscheinen sie nicht. Die Etzrodts hatten eine Wette vereinbart:
Der Sohn wollte vor dem Vater im Ziel sein. Nun ist das bei den vorgenannten
Bedingungen vielleicht nicht die ideale Veranstaltung, und Uli drückte wie immer
am Anfang aufs Tempo. Sebastian ist als Läufer und insbesondere als
Marathonläufer völlig unerfahren, dazu noch mit recht kurzer Vorbereitungszeit,
ging das Tempo mit. Es kam, wie es kommen musste, bereits nach 25 km lief es für
ihn sehr schwer, und er gab nach vielen Gehpausen auf. Uli und Peter liefen zwar
durch, hatten aber viel Zeit verloren und kamen nach 5:05 Stunden ins Ziel. Und
bei mir? Ich dachte, dass ich in der Mannschaft der Bremsklotz wäre, denn bis km
20 tat mir vor allem das rechte Knie weh, auch das Abrollen links ging nach dem
Sturz von vor zwei Wochen noch nicht richtig gut. Unser Tempo war auf etwa 4:20
std. ausgerichtet, ein guter Trainingslauf, mehr hatte ich mir im Winter auch
nicht ausgerechnet, sowieso nicht angesichts dieser Bedingungen (zwei Teams
kamen knapp unter drei Stunden ins Ziel). So ab 25 km hatte dann unser dritter
Mann erhebliche Probleme und in der Folge musste er zum Teil längere Gehpausen
einlegen. Uns beiden anderen blieb nichts anderes übrig, als uns anzupassen, um
als Team ins Ziel zu kommen. Es gelang, aber 5:22 Stunden ist nicht das, was ich
mir vorgestellt hatte. Damit waren wir aber nicht mal Letzte, denn nach uns
kamen noch zwei Teams. Die wahren Gewinner waren für mich aber sowieso nicht
die Läufer, sondern die Helfer und Streckenposten. Sie mühten sich mit Schaufeln
ab, um die Strecke in einen besseren Zustand zu versetzen, feuerten mit Musik
und flotten Sprüchen an und harrten bis zur Dunkelheit aus, um auch den Letzten
noch ein würdevolles Finish zu ermöglichen. Grosse Klasse! Das Flair der
Veranstaltung ist ein ganz Besonderes. Vieles hat sich unverfälscht aus
DDR-Zeiten erhalten, und es gibt nicht viele Marathonläufe, bei denen man nach
der Siegerehrung (für ALLE Teilnehmer) und dem anschliessenden Zusammensitzen
mit Tanz (!) in den Klassenzimmern der Schule seinen Schlafsack ausbreiten kann
und am Morgen ein reichhaltiges Frühstück kriegt. Das zu Preisen, bei denen
woanders grad mal eine Tasse Kaffee ausgeschenkt wird. Nach einer harten
Nacht auf der dünnen Luftmatraze und dem erwähnten Frühstück trat ich die
Rückreise dann bei strahlendem Sonnenschein gerade noch rechtzeitig an, um der
sibirischen Kälte zu entgehen. Das in den Fahrspuren stehende Schmelzwasser
hatte sich schon in blankes Eis verwandelt. Aufgrund von Zeit und Kosten kann
ich den Teammarathon sicher nicht öfter laufen, aber der dritte Samstag im
Januar ist aus meiner Sicht eine klare Empfehlung!