Ultramarathon-Lauftreff nördlicher Schwarzwald

"Tausendfüsssssssssler"

                

Team-Marathon Berlin, 21.1.2006

Der Exklusivbericht von Hans Sütterlin:
Auf der Spree treiben dicke Eisschollen, und ein Eisbrecher zieht seine Runden. Im angrenzenden Plänterwald in Treptow drehen seit Mittag die Läufer des Team-Marathon ihre Runden. Der Veranstalter spricht von den schlechtesten Bedingungen in der 28-jährigen Geschichte des Laufes. Der 5 km-Rundkurs auf Wald- und Radwegen war von einer Schneeschicht bedeckt, die aber durch die milden Temperaturen geschmolzen war, und eine Mischung aus schneeglatten, rutschigen Partien, Schneematsch und grossen Pfützen hinterliess, die auf jeder Runde für zwei- oder dreimal die Schuhe mit Eiswasser füllten.
Unser Team war leider geplatzt, weil einer der Gemeldeten nicht erschien, so dass wir zwei Teams bildeten: Uli Etzrodt mit Sohn Sebastian und Peter, einem weiteren Träger dieses Namens als "Etzrodt-Team" und ich mit zwei zugeteilten Läufern als "Last-Minute-Team". Roland Winkler, DDR-Lauf-Urgestein mit einer 100 km-Bestzeit unter 7 Stunden, agierte wie ein Auktionator halb stehend, halb sitzend und geplante Zeiten rufend, um noch Einzelläufer zu Teams zusammenzustellen. Das gelang auch, nur Horst Preisler startete als Einzelläufer zu seinem 1389. Marathon. Die Besonderheit des Team-Laufs ist, dass der Langsamste das Tempo vorgibt, nur wenn auch der Letzte der Drei im Ziel ist, wird die Zeit genommen. Zwar erhalten auch Einzelläufer und Aussteiger eine Urkunde mit Bestätigung ihrer Leistungen, aber in der Ergebnisliste erscheinen sie nicht. Die Etzrodts hatten eine Wette vereinbart: Der Sohn wollte vor dem Vater im Ziel sein. Nun ist das bei den vorgenannten Bedingungen vielleicht nicht die ideale Veranstaltung, und Uli drückte wie immer am Anfang aufs Tempo. Sebastian ist als Läufer und insbesondere als Marathonläufer völlig unerfahren, dazu noch mit recht kurzer Vorbereitungszeit, ging das Tempo mit. Es kam, wie es kommen musste, bereits nach 25 km lief es für ihn sehr schwer, und er gab nach vielen Gehpausen auf. Uli und Peter liefen zwar durch, hatten aber viel Zeit verloren und kamen nach 5:05 Stunden ins Ziel. Und bei mir? Ich dachte, dass ich in der Mannschaft der Bremsklotz wäre, denn bis km 20 tat mir vor allem das rechte Knie weh, auch das Abrollen links ging nach dem Sturz von vor zwei Wochen noch nicht richtig gut. Unser Tempo war auf etwa 4:20 std. ausgerichtet, ein guter Trainingslauf, mehr hatte ich mir im Winter auch nicht ausgerechnet, sowieso nicht angesichts dieser Bedingungen (zwei Teams kamen knapp unter drei Stunden ins Ziel). So ab 25 km hatte dann unser dritter Mann erhebliche Probleme und in der Folge musste er zum Teil längere Gehpausen einlegen. Uns beiden anderen blieb nichts anderes übrig, als uns anzupassen, um als Team ins Ziel zu kommen. Es gelang, aber 5:22 Stunden ist nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Damit waren wir aber nicht mal Letzte, denn nach uns kamen noch zwei Teams.
Die wahren Gewinner waren für mich aber sowieso nicht die Läufer, sondern die Helfer und Streckenposten. Sie mühten sich mit Schaufeln ab, um die Strecke in einen besseren Zustand zu versetzen, feuerten mit Musik und flotten Sprüchen an und harrten bis zur Dunkelheit aus, um auch den Letzten noch ein würdevolles Finish zu ermöglichen. Grosse Klasse!
Das Flair der Veranstaltung ist ein ganz Besonderes. Vieles hat sich unverfälscht aus DDR-Zeiten erhalten, und es gibt nicht viele Marathonläufe, bei denen man nach der Siegerehrung (für ALLE Teilnehmer) und dem anschliessenden Zusammensitzen mit Tanz (!) in den Klassenzimmern der Schule seinen Schlafsack ausbreiten kann und am Morgen ein reichhaltiges Frühstück kriegt. Das zu Preisen, bei denen woanders grad mal eine Tasse Kaffee ausgeschenkt wird.
Nach einer harten Nacht auf der dünnen Luftmatraze und dem erwähnten Frühstück trat ich die Rückreise dann bei strahlendem Sonnenschein gerade noch rechtzeitig an, um der sibirischen Kälte zu entgehen. Das in den Fahrspuren stehende Schmelzwasser hatte sich schon in blankes Eis verwandelt.
Aufgrund von Zeit und Kosten kann ich den Teammarathon sicher nicht öfter laufen, aber der dritte Samstag im Januar ist aus meiner Sicht eine klare Empfehlung!

Bericht:Hans Sütterlin